Daumenkultur

Die Sache mit der Erreichbarkeit

Verfasst von: Isä Am: April 2, 2009

Dadurch, dass das Mobiltelefon ortsunabhängig genutzt werden kann, kommt noch ein neuer Aspekt hinzu, nämlich die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit. Ein Vorteil und Nachteil zugleich. Wird es von den Nutzern vielfach als wesentlicher Vorteil bezeichnet, ist es für die Nichtnutzer oft ein entscheidender Grund, sich kein Mobiltelefon anzuschaffen.

Burkart spricht in seinem Buch “Handymania” von einer sogenannten ubiquitären Erreichbarkeit. Damit ist gemeint, „[...] dass sich die Kommunikationsteilnehmer mit Hilfe des Mobiltelefons weitgehend aus räumlich-zeitlichen Fixierungen befreien, in Bewegung und trotzdem erreichbar sein können. Das gilt zunächst, ganz banal, im dem Sinn, dass es bequemer geworden ist, sich zu verabreden und zu treffen.” (Burkart, 2007, S. 52). Die Kommunikationspartner müssen sich bezüglich der Zeit und des Ortes erst kurz vor dem Treffen festlegen. Anstatt zu sagen, „treffen wir uns um 16:00 am Bahnhof”, reicht es wenn man sagt: „treffen wir uns irgendwann am Nachmittag, den Rest regeln wir per Handy.” Laut Burkart (2007) war der Gegenstand von zwei Drittel bis drei Viertel alle Telefonanrufe schon immer die Koordination und Organisation von Treffen (S. 52ff.). Passend zum Thema habe ich ein Podcast gefunden mit dem Titel “Ständige Erreichbarkeit – Zwang zum Handy”, in dem Burkart in einem Interview über die Erreichbarkeit spricht, sowie allgemein über die Veränderungen, die das Handy brachte.

Das Glück der UnerreichbarkeitBei der Recherche zu diesem Thema bin ich zudem auf Stern Online auf einen Artikel gestossen mit dem Titel: „Ich bin dann mal da”. Es ist ein Interview mit der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die dafür plädiert, Handy und E-Mail regelmässig abzuschalten – um Menschen und Momenten die volle Aufmerksamkeit schenken zu können. In Ihrem Buch, „Das Glück der Unerreichbarkeit” fordert Sie, dass man sich bewusst Freiräume schaffen soll, in denen man nicht ständige erreichbar ist, sei es über Handy oder Computer. Was oft sehr einfach erscheint – man müsste schliesslich lediglich den Abschaltknopf betätigen – ist für viele ein schwieriger Schritt. (Bildquelle: Schweizer KMU-Tag)

Durch die heutigen Kommunikationsmedien verändert sich die Kommunikation in unserer Gesellschaft. Die persönlichen Gespräche nehmen ab, stattdessen gibt es eine Verlagerung auf technische Plattformen wie E-Mail, SMS, Handy und Computer. Die heutige Technik macht Erreichbarkeit zu jeder Zeit möglich, was zur Folge hat, dass diese dann einfach erwartet wird. Das wiederum führt dazu, dass wir uns sogar regelmässig lügen, um zu legitimieren, dass wir nicht erreichbar sind. Kaum einer traut sich zu sagen, „lass mich in Ruhe, ich möchte arbeiten – oder einfach nur ein Privatleben haben, stattdessen erfinden wir Ausreden wie, „Sorry, der Akku war leer” oder „Ich hatte kein Netz”.

Der Weg aus der Erreichbarkeitsfalle klingt laut Meckel recht einfach: Ausmachen. Man muss sich technisch abkoppeln um unerreichbar zu sein. So kann man sich bestimmten Aufgaben oder einem Menschen wirklich zuwenden und uns darauf konzentrieren. Wie auch der Titel des Artikels sagt: Ich bin dann mal da! Da sein mit voller Aufmerksamkeit für die eine Sache oder die eine Person.

Untenstehend ist ein Video von YouTube in dem Miram Meckel in einem Interview über “das Glück der Unerreichbarkeit” spricht:

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